Führungspraxis


2.2 Soziologische Grundkenntnisse

Von besonderer Bedeutung für menschliches Verhalten sind die zwischenmenschlichen Beziehungen. "Sage mir, mit wem Du umgehst, und ich sage Dir, wer Du bist." Fehlverhalten, das durch Führung und Selbsterziehung zu korrigieren ist, kann durchaus seine Ursache in negativen zwischenmenschlichen Beziehungen haben. Es wird aber nur dann zu ändern sein, wenn man die diesbezüglichen Ursachen genau kennt und beseitigt. Es ist so ähnlich wie beim Arzt, der eine Krankheit im Grunde nur heilt, wenn er die richtige Diagnose stellt und die erforderlichen Maßnahmen (Behandlungsmethoden) veranlaßt. Natürlich können zwischenmenschliche Beziehungen sehr positive Einflüsse haben. Beispiele dafür sind geordnete Familienverhältnisse, der echte Freund, die qualifizierte Führungskraft usw. Halten wir diese Zusammenhänge schematisch fest. Die zwischenmenschlichen Beziehungen können negativ und positiv wirken, d.h.

1. richtiges menschliches Verhalten stabilisieren, aber auch ändern;

2. falsches menschliches Verhalten ändern, aber auch stabilisieren.


Aus den genannten Gründen sind auch und gerade die zwischenmenschlichen Beziehungen zu analysieren. Als Führungskraft, die menschliches Verhalten - wenn es richtig ist - zu stabilisieren und - wenn es falsch ist - zu ändern hat, muß man sich immer fragen: Warum werden gerade diese Beziehungen gepflegt? Wozu sollen diese Beziehungen dienen? Wie wirken sich diese Beziehungen aus? Wenn man diesen Fragen nachgeht, betreibt man die für die Führungspraxis notwendige Analyse der zwischenmenschlichen Beziehungen. Und dann findet man meistens schon wichtige Anhaltspunkte für den Weg, wie man auf einen Menschen direkt oder indirekt über die zwischenmenschlichen Beziehungen (über die eine oder andere, auch über mehrere Personen) Einfluß nehmen kann.

Der indirekte Weg der Führung und Einflußnahme, z.B. über eine Person des eigenen und des anderen Vertrauens, ist nicht der schlechteste. Dadurch kann sogar eine nachhaltige Wirkung erzeugt werden. Einfach deshalb, weil Menschen von Personen ihres Vertrauens eher etwas "annehmen". Was der Chef (Trainer) bei seinen Leuten nicht direkt erreicht, kann ihm aber indirekt über eine "Vertrauens- und Mittlerperson" (z.B. Spielführer) gelingen. Man unterschätze auch nicht die "Führungsrolle" der Partner von Vereinsmitgliedern und Spielern!

Bei den zwischenmenschlichen Beziehungen sind die Gruppenbildungen von besonderer Bedeutung. Unter einer Gruppe versteht man zwei und mehr Personen, die häufig, unter Umständen regelmäßig miteinander Umgang haben und zwischen denen eine wechselseitige Beeinflussung stattfindet. Jeder Mensch kann vielen, auch unterschiedlichen Gruppen angehören. Dabei sind Primär- und Sekundärgruppen zu unterscheiden. Pri-märgruppen sind solche Gruppen, bei denen besonders enge und intensive Wechselbeziehungen gegeben sind. Sind diese Wechselbeziehungen nicht so eng und intensiv, dann spricht man von Sekundärgruppen. Mit anderen Worten, Primärgruppen haben einen wesentlich stärkeren Einfluß auf die Menschen, die Gruppenmitglieder, als Sekundärgruppen.


In solchen Gruppen entwickeln sich sog. Normen. Darunter versteht man bestimmte Verhaltensweisen, die von jedem Gruppenmitglied erwartet werden und einzuhalten sind. D.h. die Norm ist bindend. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe wird von den einzelnen Gruppenmitgliedern unterschiedlich realisiert, je nachdem, ob man sich mehr oder weniger stark an die Gruppen- bzw. Verhaltensnormen gebunden fühlt. Hält man sich gar nicht daran, dann hat das in der Regel den Ausschluß aus der Gruppe zur Folge. Unter Umständen läßt sich sogar sagen: Wehe dem, der aus der Reihe tanzt!



Die Verhaltensnormen können von Gruppe zu Gruppe recht unterschiedlich sein. Dem ist so, weil es viele und recht unterschiedliche Arten menschlichen Verhaltens gibt. Wer zu führen hat, muß die Normen, die in einer Gruppe gelten, kennen. Das ist notwendig, damit man als Führungskraft imstande ist, und zwar je nach der Sachlage, sich in eine Gruppe zu integrieren oder aber in sonstiger Weise auf menschliches Verhalten stabilisierend bzw. ändernd einzuwirken.

Ferner muß man wissen, daß sich die Menschen auch in ein und derselben Gruppe verschiedenartig verhalten. Damit fallen ihnen bestimmte Funktionen, sog. Rollen zu, die andere Gruppenmitglieder nicht wahrnehmen. Beispiel: Der eine ist Wortführer, der andere nicht. Dadurch können Rollenkonflikte entstehen. Sie sind u.a. darauf zurückzuführen, daß die Gruppenmitglieder unterschiedliche Interessen, Erwartungen und Bedürfnisse haben, daß verschiedene Rollen (Funktionen) von einem Gruppenmitglied nicht gleichzeitig wahrgenommen werden können. Beispiel: Vater sagt, daß jetzt die Schulaufgaben zu machen sind. Mutter sagt, daß jetzt der Rasen zu mähen ist. Das geht nicht gleichzeitig. Ebenso kann der aktive Fußballspieler nicht gleichzeitig die Platzkassierung beim Spiel vornehmen. Solche Rollenkonflikte sollte man als "Gruppenführer" vermeiden.


Die menschlichen Gruppen können auch in formelle und informelle Gruppen unterschieden werden. Formelle Gruppen ergeben sich aus sachlichen Erfordernissen. Dementsprechend werden sie im voraus geplant sowie von oben oder außen organisiert. Beispiele: Die Arbeitsgruppe, die Fußballmannschaft, die Förderklasse in einer Schule, die Mitglieder einer politischen, wirtschaftlichen oder sportlichen Delegation. Informelle Gruppen hingegen nennt man die Gruppen, die nicht sachlichen Erfordernissen entsprechen, die nicht im voraus geplant sind, die nicht organisiert werden, die sich vielmehr spontan und zufällig bilden. Sie entstehen aufgrund von allen möglichen Gemeinsamkeiten durch Interessen, Hobbies, Herkunft, Alter usw.

Im beruflichen Leben kennt man z.B. "Fahrgemeinschaften" (Wohnort gemeinsam). Im Verein kennt man "junge" und "alte" Gruppen. So können sogar sog. "Cliquen" entstehen. Die "Cliquen-Wirtschaft" ist mehr als problematisch.

Die informellen Gruppenbeziehungen können die formellen Gruppenbeziehungen ergänzen und verstärken, aber auch abkühlen und stören. Wenn zwei Arbeitskollegen oder Fußballspieler dieselbe "Freundin" lieben, kann das störend wirken und die Realisierung sachlicher Erfordernisse gefährden. Wenn Menschen in ihrem Informationsbedürfnis nicht "offiziell und formell" befriedigt werden, dann suchen sie oft über "informelle Beziehungen" ihr diesbezügliches Bedürfnis zu befriedigen. "Gerüchte" und "Klatsch", die dann leicht aufkommen, haben schon manche formelle Beziehung erheblich beeinträchtigt. Andererseits können das gemeinsame Hobby oder die gemeinsame Skatrunde auch sehr fördernd sein für die bessere Realisierung der formellen Beziehungen zwischen Arbeits- oder Vereinskollegen.


Die positiven oder negativen Wechselwirkungen zwischen formellen und informellen Gruppen werden besonders spürbar und sichtbar gemacht durch die Personen, die in den Gruppen führend sind. In der formellen Gruppe gibt es (oder sollte es geben) durchweg einen formellen Führer. In der informellen Gruppe hat man einen, aber auch mehrere informelle Führer. Dieselben werden, was anzumerken ist, nicht gerade nach demokratischen Spielregeln gewählt. Im allgemeinen sind Durchsetzungsvermögen, Mundwerk und/oder besonderes Können anderer Art für die Besetzung der informellen Führungsposition entscheidend. Wenn der "formelle Führer" den "informellen Führer" zum Gegner oder gar zum Feind hat, dann sind ernsthafte Konflikte zu erwarten. Wenn der formelle Führer den informellen Führer zum Freund hat, ihn ins Vertrauen zu ziehen weiß, dann kann er zusammen mit ihm sogar "Bäume versetzen". Unter Umständen ist es überlegenswert, informelle Führer mit einer formellen Führungsaufgabe zu betrauen. Solche Personen sind erfahrungsgemäß nicht die schlechtesten Führungskräfte.

Wenn man formelle Gruppen zu bilden hat, dann spielt die richtige Gruppenzusammensetzung eine ganz wichtige Rolle. Dabei sind immer zu beachten: 1. der qualitative Gesichtspunkt (vom Menschentyp her gesehen) und 2. der quantitative Gesichtspunkt (von der Personenzahl her gesehen). Es ist eine Binsenweisheit, daß nicht alle Menschentypen zusammenpassen. Dabei haben Gefühle für- oder gegeneinander ihre große Bedeutung. Die menschlichen Gefühle sind eine Realität, die bisweilen größer ist, als wir manchmal wahrhaben wollen. Sie lassen sich nicht wegdiskutieren. Wenn der eine dem anderen nicht sympathisch ist, kann das zu erheblichen Schwierigkeiten führen. Die Gefühle, die jemand für einen anderen hat, beinhalten: Sympathie = Zuneigung, Antipathie = Abneigung oder Indifferenz = Gleichgültigkeit.

Nach der Personenzahl sind Zweier-Gruppen, Dreier-Gruppen usw. zu unterscheiden. Sofern die Gruppen gemischt sind, aus männlichen und weiblichen Personen bestehen, gelten "besondere" Spielregeln. Aber auch eingeschlechtliche Gruppen haben, von der Personenzahl her gesehen, ihre Probleme. Frage: Bei welcher Personenzahl in einer eingeschlechtlichen Gruppe gibt es noch am ehesten Schwierigkeiten?

Erfahrungsgemäß bei der Dreier-Gruppe. Einfach deshalb, weil sich hier zwei Personen mehr verbunden fühlen können und die dritte Person dann isoliert ist.


Bei der Zweier-Gruppe ergeben sich im allgemeinen keine Isolierungsprobleme, vor allem dann nicht, wenn sich beide sympathisch sind. Bei der Vierer-Gruppe ist eine gewisse Ventil-Funktion dadurch gegeben, daß sich zwei Untergruppen bilden. Die Fünfer-Gruppe könnte Probleme aufwerfen, und zwar durch eine Dreier-Gruppe als Untergruppe. In diesem Fall findet aber erfahrungsgemäß nicht eine ähnliche Isolierung wie bei der ausschließlichen Dreier-Gruppe statt. Einfach deshalb, weil dann die bisherige Zweier-Untergruppe dominierend wird. Bei allen Gruppen mit 6, 7 und mehr Personen entstehen nicht die Probleme wie bei der ausschließlichen Dreier-Gruppe. Denn dann können sich Untergruppen bilden, so daß die erwähnte Isolierung nicht in gleicher Weise eintritt. Und Isolierung verträgt der Mensch im allgemeinen nicht. Ist die Dreier-Gruppe noch gemischt, dann kann es sogar "Mord und Totschlag" geben.

Die Verhältnisse in einer Gruppe sind auch durch Über- und Unterstellungen zu regeln. Dadurch ergeben sich vertikale Beziehungen zwischen überstellten Personen (Vorgesetzte) und unterstellten Personen (Untergebene) sowie horizontale Beziehungen zwischen gleichgestellten Personen. Welche Beziehungen am besten sind, hängt ab vom Führungsstil, vom Charakter der beteiligten Menschen und dergleichen mehr. In der Regel sind die horizontalen Beziehungen am besten, weil durch die Gleichstellung eine Gemeinsamkeit gegeben ist. Das muß aber nicht unbedingt so sein und schon gar nicht so bleiben. Beispiel: Der eine wird befördert, der andere nicht. Was meinen Sie, welche Reaktionen das beispielsweise bei den beteiligten Ehefrauen auslösen kann? Zwei völlig gleichgestellte und gleichberechtigte Direktoren an der Spitze einer Vereinigung haben auch ihre Probleme, die sich vielleicht in folgenden Fragestellungen zeigen: Wer tut mehr? Wer hat wem was zu sagen? Wer hat eigentlich mehr zu sagen? Die "Mächtigkeit" des Menschen strebt nach Auswirkung und Gestaltung. Schon manche "Götter" haben sich nicht miteinander vertragen.


Damit kommen wir zu einem weiteren Führungsproblem. Es läßt sich mit den Begriffen Einfachunterstellung und Mehrfachunterstellung umschreiben. In der Praxis gibt es für die hier gemeinte Problematik viele Beispiele: Vater sagt so, Mutter sagt etwas anderes. Was soll das Kind tun? Bei aller Gleichberechtigung empfiehlt sich hier wenigstens eine einheitliche Sprachregelung. - Der Betriebsmeister (BM) gibt einen Auftrag, der Betriebsleiter (BL) einen anderen. BM fragt seinen Untergebenen: "Haben Sie den Auftrag ausgeführt?" Antwort: "Nein! BL gab mir einen anderen Auftrag. Und ich dachte, der ist wichtiger, weil BL doch mehr zu sagen hat." Man sollte einmal darüber nachdenken, welche Reaktionen das auslösen kann. Es gibt Leute, die den einen gegen den anderen Vorgesetzten so "ausspielen", daß sie selbst alles andere als Dynamik realisieren. Und das sollte nicht sein. Es ist zu vermeiden, wenn man das alte Bibelwort befolgt: "Niemand kann zwei Herren dienen". Mit anderen Worten, es ist immer für eine klare Einfachunterstellung zu sorgen. Daraus braucht man keine Wissenschaft zu machen, auch keine Stellenbeschreibung von A bis Z. Dies kann unter Umständen eine zeit- und kostenaufwendige Sache werden und die Nerven strapazieren. Wenn der Menschenverstand gesund ist, sagt er einem schon, was wesentlich und richtig ist.

Ein letztes Wort: Die Gruppe ist nicht nur Feind, sondern auch Freund des Menschen. Letzteres ist der Fall, wenn man durch die Gruppe Hilfestellung, Anerkennung, Bestätigung und damit Befriedigung von Bedürfnissen findet. Selbst Spannungen zwischen Menschen sind nicht nur schädlich, sondern auch nützlich. Dies ist der Fall, wenn sie positiv "umfunktioniert" werden. Der alte Terenz hat schon gesagt: "Der Streit zwischen Liebenden erneuert die Liebe." Aus Liebe geschieht natürlich viel. Es läßt sich aber auch viel gemeinsam erreichen, wenn dazu ein guter und fester Wille gegeben ist.

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